Reisebericht 2015

15.11.2016

Die Reise nach Bolivien ist jedes Jahr doch ein bisschen eine Aufregung. Dazu heuer der Streik bis Freitag, mein Flug geht am Samstag abends. Die Unsicherheit, ob alles klappt, das Übergepäck mitgenommen werden darf, was mich dort wieder alles erwartet. Ich freue mich trotzdem, abge- sehen davon, kann ich nicht mehr zurück. Nach 15 Jahren Bolivien bin ich von dem Virus infiziert ….

Am Flughafen Innsbruck kann ich mein Übergepäck problemlos einchecken. Der Flieger geht pünktlich nach Frankfurt ab, dort habe ich zwei Stunden Aufenthalt. Ich schau ein bisschen in die Runde der Wartenden: viele verschiedene Gesichter, alt, jung, sehr jung, kleine Kinder … Dann geht`s pünktlich hinein. Ich bin ganz hinten auf Sitz 44b. Einige Sitze sind schon gefüllt, es geht langsam. Der Flug ist ruhig, keine Turbulenzen, nur die Kinder sind unruhig und weinen immer wieder. Ich nehme etwas, damit ich schlafen kann. Das wirkt, zumindest für ein paar Stunden. In Sao Paulo habe ich vier Stunden Aufenthalt, dann geht`s weiter nach Santa Cruz. Ich habe von Dr. Jorge die Nachricht, ich solle mich am Zoll bei Fr. Kerry melden, damit es problemlos mit meinen schweren Koffern durchgeht, das wäre mir sehr recht. Don Ruiz hätte bereits mit ihr gesprochen. Der Flieger landet früher als geplant, und ich komme recht schnell bis zum Abholen der Koffer durch. Ein Mann, der mir mit einem Gepäckswagen behilflich ist – daneben seine Hand ausstreckt – erzählt mir gleich seine ganze Leidensgeschichte. Er braucht einen Urologen, ich bin aber Chirurg, so hat das Gespräch bald ein Ende. Nun sollte ich Fr. Kerry am Durchgang finden. Sie ist auch dort und: sie weiß Bescheid. Ich muss wie alle beim Durchgang den Knopf drücken: Beim Aufleuchten von grün kann man durch, bei rot wird man kontrolliert. Ich denke, das wird schon passen. Doch es leuchtet rot auf …. Ich muss auf die rechte Seite. Eine Dame ist dort und kontrolliert – ich muss alles aufmachen. Nicht, dass ich etwas schmuggeln wollte, doch habe ich viele kleine und größere Geschenke, chirurgische Instrumente … Meine persönlichen Dinge habe ich im Handgepäck. Nur mit großer Überredungskunst kann ich die Dame überzeugen, dass es alles Geschenke für einen wohltätigen Zweck sind. Ich sage noch, dass ich bereits draußen erwartet würde, sie könne ja nachsehen und ob sie vielleicht das Krankenhaus „Villa Primera de Mayo“ kenne, den Dr. Menacho … sie würden draußen bereits auf mich warten, um mich abzuholen … und die Sozialprojekte … Ich habe keinen Moment gezweifelt, dass ich die Dame überzeugen könnte. Ich kann die Koffer wieder schließen, sie wünscht mir alles Gute und bedankt sich noch am Ende für alles. Tief durchatmen … Ich nehme meine zwei großen Koffer, meinen Handtrolley, meinen Rucksack und schau, dass alle Dokumente dabei sind – dann geht`s Richtung Ausgang. Draußen traue ich meinen Augen nicht: Rosa Maria ist da, Dr. Jorge, Dr. Adolfo, 50 Kinder und Jugendliche und alle von der Gruppe der unterstützten Student/innen. Gitarren, Trommeln und andere Instrumente begleiten ihren Gesang zum Empfang. Sie singen und tanzen und alle im Flughafensaal schauen und horchen zu … Dann fahren wir mit zwei Kleinbussen in die Stadt. Ich bin bei Hna. Rosa und den anderen Schwestern zu Mittag eingeladen. Alle anderen fahren heim. Es gibt pato (Ente) und alle möglichen Beilagen. Ich habe keinen Hunger, nur Durst … Später gehe ich in meine Unterkunft, die ganz in der Nähe ist. Ich bin im gleichen Zimmer wie letztes Jahr, das Licht geht immer noch nicht, die Schubladen sind nach wie vor kaputt, im Kasten ist alles staubig, es hat 35 Grad, eine hohe Luftfeuchtigkeit, das Bad muss ich erst durchwischen … ich bin angekommen … in einem anderen Land. Ich mag Bolivien. Der Tag ist noch nicht aus. Um 19.00 Uhr werde ich zu einem Fest mit dem Lehrpersonal vom colegio abgeholt … ich muss da hin, obwohl ich lieber schlafen würde. Dort ist was los! Es wird getanzt, musiziert und geredet, bis ich fast nicht mehr kann. Ich bin weit außerhalb von Santa Cruz. Es gibt dort um diese Zeit keine Micros mehr, keine Taxis. Einer der Festgäste – ein Lateinlehrer – den ich von den letzten Jahren kenne, bringt mich heim. Ich falle ins Bett, es ist bereits 23.00 Uhr …, daheim wäre es 4.00 Uhr morgens. In den nächsten Tage ist der Terminkalender voll …

16.11.15

Ich wache früh auf und trinke einen Kaffee … es ist heiß, und das mag ich! Peter wird heute aus Miami kommen und mir in den nächsten Tagen helfen mit: Fotodokumentation der Werke, Protokollierung der Besprechungen und Organisation der Abläufe. Wir fahren ja nach Samaipata, Comarapa, dann nach Cochabamba , von dort nach Sucre und wieder zurück nach Santa Cruz. Rosa Maria hat dafür gesorgt, dass wir die Agenda voll haben. Da bleibt nicht viel Zeit zum Ausruhen, aber das ist gut so. Peter kennt die Projekte gut, war ja schon öfters hier, ist Mitglied im Vorstand des Vereins „brillos“ und eine große Hilfe. Ich bin im Zentrum der Stadt, wo ich auf ihn warte. Dr. Zapata holt ihn vom Flughafen ab. Sie kommen pünktlich und wir besprechen gleich unser Programm für die nächsten Tage. Am Abend sind wir bei Dr. Zapata eingeladen, ein recht ruhiger Tag, doch das wird sich ändern.

17.11.2015

Um 9.00 Uhr holt uns Rosa Maria ab – geplant ist der Besuch der guardería (Kindertagesstätte) und der Schule. Dort werden wir mit Freude empfangen. Wir besuchen alle Klassen, die jeweils nette Überraschungen vorbereitet haben, eine Messe, also Ausstellungen der von ihnen während des Jahres angefertigten Arbeiten. Dann helfen wir im Speisesaal, da riecht es schon gut … es gibt majadito (ein bolivianisches Gericht, bestehend aus Reis, Ei, Fleisch und plátano), Suppe, eine Nachspeise und auch ein Getränk. Es kommen heute ca. 280 Schüler zum Essen. Ich bin immer wieder erfreut und über diese Einrichtung auch ein wenig stolz. Es funktioniert so gut, es geht alles Hand in Hand, viele Freiwillige helfen mit beim Kochen, beim Austragen, beim Abspülen … Viele Kinder haben sonst daheim nichts zum Essen, die Armut hier ist groß und es gibt immer wieder Kinder, die an Unterernährung sterben.
Danke den Spendern, die diesen Bau ermöglicht haben. Es hat sich gelohnt! Ich würde gerne allen diese Bilder und Eindrücke zeigen, die unglaublich berührend sind.
Am Nachmittag werden wir wieder abgeholt. Rosa Maria bringt uns zu Familien, die unterstützt werden, oder dringend Unterstützung brauchen. Es tut ganz gut, die Situation von ihnen vor Ort kennen zu lernen. Fernanda hat letztes Jahr maturiert und möchte studieren, doch die Mittel sind nicht da … sie wird von uns unterstützt. Die Hütte ist ärmlich, mit Lehmboden, dunkel … alle wohnen zusammengepfercht in einem kleinen Raum. Der Vater hat die Familie verlassen. Sie möchten sich für die Unterstützung bedanken – Fernanda bricht in Tränen aus. Rosa Maria nimmt sie in den Arm, die kleinen Geschwister und die Mutter weinen mit und ein bisschen auch die anderen Anwesenden …
Die Straßen sind schlecht … wir haben aber einen guten Fahrer, das Auto ist weniger gut, doch das ist gut so. Die Familie von Alexis wohnt arm, der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter kümmert sich um die 5 Kinder. Alexis wird unterstützt, damit er zur Uni gehen kann. Auch sonst bekommt die Familie Hilfe, vor allem in medizinischer Hinsicht. Wir sitzen draußen auf weißen Plastikstühlen, die Mutter bringt einen Saft in Plastikbechern … Ich kann da nichts essen und trinken, weil sonst der Darm wieder verrückt spielt und muss wieder eine Ausrede finden. Die Leute hier mögen es nicht gerne, wenn man Einladungen abschlägt. Inzwischen geht ein kleines Huhn in das Schlafzimmer, wo gerade die anderen Kinder einen Mittagsschlaf machen, der Boden ist aus Lehm, das Dach nur dürftig und sicherlich regnet es hinein … man sieht es auch, die Spuren …
Wir suchen nun das „Haus“ von Hasly. Sie wohnt in einer Holzbaracke. Die anderen 5 Kinder sind nicht da. Auch die Mutter nicht, da sie arbeitet … der Vater hat sie alle verlassen. Innen ist alles „sauber“ aufgeräumt, auch hier Lehmboden, feucht, und dementsprechend der Geruch nach Schimmel … Dahinter ein begonnener Bau, d.h. ein paar Mauern aus Ziegeln, innen wachsen bereits meterhohe Pflanzen. Das Geld hat nicht mehr gereicht, seit der Vater die Familie verlassen hat, das Einkommen der Mutter reicht auch nicht mehr. Hasly wird von uns unterstützt und ich bin sicher, dass sich jemand findet, der den Bau finanziert. Wir werden einen Kostenvoranschlag machen lassen. Erfahrungsgemäß wird alles samt Einrichtung um die 2.000 Euro ausmachen.
Maria Fernanda hat letztes Jahr maturiert. Auch hier hat der Vater die Familie verlassen. Es sind 5 Geschwister, die Mutter krank, kann nur zwischendurch etwas arbeiten. Sie empfängt uns mit großer Freue. Fernanda ist ein fröhliches Wesen und intelligent. Sie arbeitet neben dem Studium. Sie bedankt sich ganz herzlich …
Alfredo ist eines von 10 Kindern, studiert fleißig, ist auch in der Gruppe der unterstützten Schüler. Zwei der älteren Kinder arbeiten. Der Vater hat eine große Narbenhernie. Wir werden die Kosten für die OP übernehmen. Wir sitzen auf alten Sesseln, das Gestell mit Plastikschnüren verbunden, aber man sitzt gut. Der Boden ist aus Lehm, die Mutter schiebt vom Fenster ein Plastik etwas auf die Seite, damit es mehr ventiliert – Scheiben gibt es keine. Das Dach haben sie gerade erst renoviert … alle 12 Familienmitglieder schlafen in diesem Raum, noch dazu ein paar Hühner …
Patricia ist die Mutter von 5 Kindern, der Vater hat sie verlassen. Sie hat Probleme mit einem großen Narbenbruch nach einem Kaiserschnitt. Ich untersuche sie in einem Nebenraum. Der Eingriff …
… es kommt noch was, es ist wieder etwas dazwischengekommen …
So, jetzt geht`s weiter …
Der Eingriff kostet ca. 1.700 Bs., das sind 250 Euro, alles zusammen. Wir werden das organisieren.
Maria Kelly ist eines von 5 Kindern, der Vater wegen Vergewaltigung im Knast und Schulden. Man wollte auch die Mutter einsperren, da kein Geld da war. Sie sind nun in einer anderen Gegend, wo sie bei Verwandten wohnen und dort auch untergetaucht sind. Wir besuchen die Familie. Maria Kelly ist ein intelligentes Mädchen, wir unterstützen sie, damit sie die Uni besuchen kann. Dafür muss sie jeden Tag um 4 Uhr aufstehen, der Weg zur Uni dauert 2 Stunden, und die gleiche Strecke wieder zurück. Sie kommt um Mitternacht heim.
Diese Besuche sind immer sehr anstrengend, nicht nur wegen der weiten und ungemütlichen Fahrt dahin, sondern vor allem auch wegen der doch sehr berührenden Begegnungen. Ich wollte mich eigentlich am Abend zurückziehen, doch im colegio ist heute ein Fest, die Pre-promo, das ist ein Fest zum Abschied der diesjährigen Maturanten mit Essen, Musik und Tanz. Ich denke mir, wir gehen kurz hin und bald heim, doch wir bleiben dann doch bis zuletzt. Die Musik und der Tanz vertreiben die Müdigkeit, machen die tristeza ein bisschen leichter und zeigen eine andere, schöne Seite im täglichen Leben.
Müde und ausgelaugt kehren wir zur Unterkunft zurück, morgen werden wir um 9.00 Uhr abgeholt.

18.11.2015

Nach einer Tasse Mate holt uns Rosa Maria ab, wir fahren zu Familien.
Guido ist ein seit der Geburt - wohl wegen eines Sauerstoffmangels während der Geburt – behindertes Kind, was hier sehr häufig vorkommt, da viele kein Geld für eine Hebamme haben oder sie viel zu spät ins Krankenhaus kommen. Die Mutter ist mit dem Kind – jetzt etwa 14 Jahre – den ganzen Tag angehängt … es gibt keine entsprechende Einrichtung und wenn, dann könnte sie das Geld nie aufbringen. Sie ist auf unsere Unterstützung angewiesen. Wir bezahlen die Windeln und Medikamente. Die Mutter hat zudem seit zwei Monaten Unterbauchschmerzen … wir haben eine Ultraschalluntersuchung organisiert. Man sieht einen suspekten Tumor am linken Eierstock. Sie sollte unverzüglich operiert werden, doch sie hat niemanden für das Kind. Rosa Maria wird alles in die Hand nehmen und organisieren. Die Mutter bricht in Tränen aus und kann nur sehr schwer beruhigt werden. Der geistig schwerstbehinderte Bub verzieht bei diesem Anblick sein verunstaltetes Gesicht und heult in fast unerträglichen Lauten …
Dona Elisa sitzt in ihrer Hütte neben ihrem Bett und klagt ihr Leid. Vor zwei Monaten sei sie gestürzt, die Schmerzen waren und sind sie noch bei jeder Bewegung unerträglich. Ihr Sohn wohnt zwar bei ihr, ist aber meist betrunken und lässt sie tagelang allein. Sie kann nicht mehr gehen und hat an der linken Hüfte unsagbare Schmerzen. Sie schreit dann zu den Nachbarn um Hilfe hinüber, die ihr gelegentlich etwas zum Essen bringen. Zuletzt sei sie drei Tage lang im Bett gelegen, bis jemand kam. Ein Röntgen zeigt das Problem: der Oberschenkel ist gebrochen, verschoben. Ich kenn mich da nicht so gut aus, doch es wird schwierig werden, diese Fraktur nach zwei Monaten zu operieren. Ich werde Dr. Jorge fragen, er weiß sicher jemanden, der sich da auskennt.
Viviana wohnt in der Peripherie von Santa Cruz, in einer ärmlichen Hütte mit 4 zum Teil kleinen Kindern. Der Mann ist „weitergezogen“ und sie schafft es mit ihrer Arbeit nicht, für die Kinder die Schule zu finanzieren. Die ältere der Töchter, Emiliy, hat gerade ihr Abitur gemacht und beginnt ein Studium an der Uni. Ohne unsere Hilfe würde das nicht gehen.
Wir besuchen Jochen, den wir schon weit neun Jahren kennen und der uns schon so viele Sorgen gemacht hat. Er ist jetzt 19 Jahre alt. Seine Mutter ist früh gestorben, den Vater kennt er nicht und die älteren Schwestern haben sich nicht um ihn gekümmert. Mehrere Versuche, ihn von der Straße und den Drogen wegzubringen, sind immer wieder gescheitert. Jetzt hat er jedoch schon seit geraumer Zeit eine Arbeit im comedor, der er geregelt nachgeht. Dort kann er essen und für ein kleines Zimmer zahlen wir die Miete. Rosa Maria kümmert sich seit Langem um ihn. Heute war er bei der Gruppe dabei und kam dann kurz mit einem Geschenk zu mir: ein einfaches Halsband mit Anhänger, ein Stein mit einem Kraftsymbol. Es soll mir immer wieder die Kraft geben, weiterhin nach Bolivien zu kommen. Für sich hat er einen Anhänger besorgt, welcher eine Eule darstellt. Er sagt mir, diese Eule möge ihm immer wieder den richtigen Weg zeigen.
Wir sind dann noch in der Schule, wo die Kinder zum Abschluss des Schuljahres ihre Handarbeiten ausstellen und erklären. Mit einfachen Mitteln haben sie schöne Dinge gebastelt.

19.11.2015

Rosa Maria holt uns mit dem Architekten um 9.00 Uhr ab. Wir fahren gemeinsam zur neu gebauten guardería (Kindertagesstätte). Das ist eigentlich ein Zubau, da zu wenig Platz für die Kinder war. Der Bau ist gelungen, nächste Woche wird die Einweihung sein. Die Kinder begrüßen uns mit großer Freude. Es sind dort kleine Kinder von 8 Monaten bis zwei Jahren, dann noch etwas Größere bis 4 Jahre. Auch ein Essen wird zubereitet, da sie daheim vielfach nichts zum Essen haben. Es ist eine Freude zu sehen, wie gut das alles funktioniert und wie wichtig das alles ist. So ist die Gefahr viel geringer, dass sie auf die Straße gelangen.
Durch Ihre Spenden ist das alle möglich geworden. Vielen herzlichen Dank.
Es stehen noch einige Besuche an, wir fahren gemeinsam hin. José Maria wohnt bei seinem Großvater, die Eltern sind getrennt, die anderen Geschwister wohnen bei der Mutter. José Maria ist bei einer „badilla“ dabei, einer Bande, die immer wieder Leute überfallen und sie ausrauben. Von der Schule ist er vor kurzem weggegangen. Rosa Maria möchte ihn wieder zurückholen, sie kennt ihn seit der guarderia. Ich hoffe, es gelingt ihr!
Don Angel hat Parkinson, kann kaum mehr gehen. Er wohnt in einer Behausung aus Holzbrettern, der Boden ist aus Lehm, hinten zwei Betten für 5 Leute. Der Geruch ist beißend, unerträglich bei der Hitze. Er kann sich die Medikamente nicht leisten. Aus bestimmten Kernen bereitet er sich eine Arznei vor, die angeblich helfen soll.
Am Nachmittag treffen wir uns wieder in der Schule. Es wird von den Kleinsten und etwas Größeren ein Programm vorgebracht, mit unglaublich schönen Tänzen. Am Ende müssen wir dann alle mittanzen … und das geht bis kurz vor Mitternacht.

20.11.2015

Heute morgens treffen wir uns bei Hna. Rosa Maria, um die letzten, abgeschlossenen Projekte zu besprechen und für das kommende Jahr das Budget zu erstellen. Rosa Maria hat alles fein säuberlich vorbereitet, da wird alles genau dokumentiert. Jeder ausgegebene Cent ist notiert.
Die Gruppe der unterstützten Studenten und Schüler ist auf 43 gestiegen und es kommen noch Neue hinzu. Monatlich bekommen sie ihre „beca“, das Monatsgeld, von 200 bis 500 Bolivianos. Alle kommen aus finanziell armen oder sozial zerrütteten Familien und schwierigen Verhältnissen. Das Geld ist für sie wichtig, damit sie studieren können, oder/und etwas zu Essen haben. Auch medizinische Hilfe ist immer wieder notwendig. Noch wichtiger jedoch ist, dass sie sich regelmäßig treffen. Hna. Rosa Maria besucht sie zudem immer wieder und hat mit ihnen Kontakt. Sie können sich bei ihr melden, wenn sie etwas brauchen und wenn es „nur“ ein Abladen von Sorgen ist … da bekommen sie Halt. Dieses Projekt ist sehr wichtig und es lebt.
Der Zubau der guadería in Santa Cruz wird in den nächsten Tagen fertiggestellt. Wir haben den Bau bereits gesehen. Er ist sehr gelungen, angepasst an den alten Teil, weitere 60 Kinder haben jetzt hier Platz. Kommende Woche wird eingeweiht, das wird ein Fest werden!!!
Die Aufstockung der guardería in Comarapa ist ebenfalls bereits fertiggestellt und schon in Betrieb. Es ist jetzt für weitere 60 bis 70 Kinder Platz. Am Sonntag, den 22. November wird der Bau eingeweiht. Ich freue mich schon … die Kinder werden da tanzen. Es wird ein großes Fest werden, ganz Comarapa wird da auf den Beinen sein.
Das sind nur einige größere Projekte neben vielen kleinen Bauten und Unterstützungen.
Geplant ist für das kommende Jahr die Erweiterung der Schule. Rosa Maria hat bereits klare Vorstellungen und Pläne. Wir werden dann alles im Vorstand besprechen. Doch ich bin bereits jetzt schon von dem Vorhaben begeistert.
Nach etwa 4 Stunden raucht uns der Kopf und es riecht nach gutem Essen. Es gibt Gemüseleibchen mit Apfelkompott …
Um 14.00 Uhr sind wir fertig. Ich werde mich am Nachmittag zurückziehen, um meine Aufzeichnungen und Reiseberichte zu schreiben. Ich werde aber immer wieder unterbrochen, sodass nichts weitergeht. Deshalb die Verspätung. Erst hier in Comarapa habe ich ein bisschen Ruhe zum Schreiben, doch es gibt keinen Internetzugang zum Senden der Berichte, aber es kommt alles nach.
Ich sitze in einem Lokal in der Stadt, habe Internetzugang über Wlan (Wifi ..) und schreibe über die letzten Tage. Aus alten Lautsprechern dröhnt die Musik der 70er Jahre und es ist fast ein bisschen melancholisch. Viele Leute sitzen draußen auf der überdachten Terrasse, ich in einer gemütlichen Ecke. Ich verwechsle rückblickend einige Tage, da so viel Programm war und ich nur anhand meiner Notizen die Besuche und Ereignisse zuordnen kann. Dann kommt Juan Pablo vorbei, der mir seine Geschichte erzählt und für die Familie dringend Hilfe braucht. Seine Familie musste ausziehen, da die Tante einfach das Haus verkaufte. Nun wohnen sie weiter weg in Miete, kommen mit ihrem Lohn aber nicht aus.
Kaum ist er weg, kommt Daniel. Auch er hatte sich angemeldet und wollte mit mir reden. Er wohnt mit seiner kranken Mutter und zwei Schwestern, arbeitet am Vormittag und musste deshalb das Studium abbrechen.
Dann ist auch noch Jose Ignacio da. Er arbeitet in dem Lokal und hatte sich am Vormittag mit Glasscherben an der Hand geschnitten. Ich versorge seine Verletzung mit Steristrip und einem Schutzverband. Trotzdem muss er dann weiterarbeiteten …
Es ist nun Zeit, zusammenzupacken. Wir treffen uns mit der Studentengruppe um 19.00 Uhr in der Casa del Camba zum Abendessen. Dieses Treffen hat bereits Tradition und alle freuen sich unglaublich. Es kommen ca. 90, die Gruppe hat aber nur 43 Mitglieder … Einige nehmen ihre Geschwister mit, andere kommen wiederum mit der ganzen Familie. Dr. Jorge und Dr. Adolfo sind auch mit ihren Familien da. Es gibt wieder etwas Gutes zum Essen. Daneben bespreche ich mit Dr. Adolfo noch ein paar CT-Bilder. Wir bleiben nicht lange, da später kein Micro mehr fährt und viele sonst nicht mehr heimkommen würden. Alle bedanken sich überschwänglich und wir verabschieden uns noch.
Daheim muss ich noch die Koffer packen. Einen Teil lasse ich hier, da ich ja wieder nach Santa Cruz zurückkommen werde. Ich falle ins Bett und schlafe sofort ein. Ein heftiges Gewitter mit Blitz, Donner sowie starkem Regen weckt mich um 4.00 Uhr … es hat abgekühlt und ich döse dann noch bis um kurz nach 6.00 Uhr.

21.11.2015

Wir treffen uns um 7.00 Uhr vor dem Konvent. Dort stehen bereits zwei Micros (Kleinbusse), die die Übrigen bereits unterwegs eingesammelt hatten. Wir zählen noch alle durch: es sind insgesamt 67 an der Zahl. Mit dabei sind auch einige Lehrpersonen und wieder haben einige ihre kleinen Geschwister mitgenommen. Während der Fahrt wird musiziert: Angel hat die Gitarre mit, Patricia trommelt dazu und es wird gesungen, was das Zeug hält. Das Rauschen des Fahrtwindes bei offenen Fenstern wird problemlos übertönt. Hinter mir sitzt die 9 Monate junge Celina auf dem Schoß der Mutter und zupft immer wieder an meinen Haaren. Sie kann sich damit köstlich unterhalten … Ein bisschen zusammengepfercht sind alle, da der Micro doch nur für 25 Personen gedacht ist und letztendlich sind es 34 pro Bus … die Fahrt ist sehr kurzweilig, trotzdem bin ich froh, wenn wir ankommen. Ich kann endlich wieder meine Beine ausstrecken …
An der plaza im Zentrum steigen alle aus. Daneben im „restaurante 1900“ habe ich für das Mittagessen reserviert. Alle haben Platz, da Patricia – die Chefin vom Lokal – unglaublich gut organisiert ist. Es gibt Milanesa al pollo a la Napolitana … es schmeckt herrlich! Dazu gibt es Reis und Pommes. Einige bestellen eine zweite Portion, der Hunger ist groß.
Wir fahren dann zum „fuerte“, einer alten Inkastätte. Alle machen den Rundgang. Ich bleibe zurück, da ich es schon kenne und ich zudem ganz gern ein bisschen allein bin. Außerdem spielen meine Gedärme heuer seit zwei Tagen verrückt. Auch eine ganztägige Diät hat keinen Erfolg gebracht. Aber es gibt Schlimmeres.
Sie kommen dann alle so langsam zurück und wir verabschieden uns. Für Alle ist es ein unvergessliches Erlebnis: die gemeinsame Fahrt, das Mittagessen, die Besichtigung des „fuerte“, das gemeinsame Singen …
Peter und ich, sowie Hna. Rosa und Hna. Ines fahren nach Comarapa weiter. Franz erwartet uns bereits mit seiner camioneta. Die anderen fahren mit den Micros zurück nach Santa Cruz – wir werden gleichzeitig in etwa drei Stunden ankommen. Die Fahrt ist holprig, es wird auch schon langsam dunkel. Ich sitze hinten in der Mitte, die Fenster sind halb offen, mich friert, wir befinden uns auf ca. 1.800 m Meereshöhe. Meine dicke Jacke habe ich zum Glück mit … ich kann auch ein bisschen schlafen, obwohl es mich immer wieder bald nach links, bald nach rechts dreht, je nach Kurve. Ich erwache dann ganz plötzlich nach einer Vollbremsung. Ein Kind wäre und beinahe in das Auto gerannt, zum Glück ist nichts passiert.
Wir werden in Comarapa bereits erwartet. Ich gehe um halb zehn ins Bett und schlafe bis um halb fünf durch. Ein lautes Vogelgezwitscher vermischt sich mit dem Gebell von streunenden Hunden und dem ersten Hahnenschrei weckt mich. Das ist Comarapa am Morgen …

22.11.2015

Das Klima hier ist anders als in Santa Cruz. Es ist sehr warm, doch nicht feucht und in der Nacht kühlt es ab. Wir machen eine kleinen Rundgang durch das Dorf und besuchen kurz Ronal, der im Rollstuhl ist und in der Albergue (Altersheim) mitarbeitet. Dann geht es zurück zum Konvent, wo wir bereits zum Mittagessen erwartet werden. Es folgt ein Besuch der Familie Mendes, der wir vor einigen Jahren ein Haus gebaut haben. Um 14.30 Uhr kommt Fr. Cecilia. Wir unterstützen einige ihrer Kinder in der Schule und an der Uni. Sie bringt als Geschenk Obst mit: Bananen, Kirschen, Melonen, Aprikosen …
Um 17.00 Uhr ist die Einweihung des Zubaues der guarderia. Viele Leute sind da und es wird nach der Besprengung des Baues durch den Pfarrer und dem Durchschneiden der Schleife am Eingang ein Schluck Cidre ausgeschenkt. Anschließend gibt es ein Abendessen und ein Geschenk. Hna. Maria kann bei der Ansprache die Tränen nicht mehr zurückhalten … auch andere bekommen vor Freude und aus Rührung feuchte Augen. Der Bau ist gelungen und wir sind so stolz darauf!
Vielen Dank allen Spendern! Ich stoße auf Sie alle an!
Es sind noch zwei Volontäre aus Deutschland da, mit denen wir noch kurz reden … einer aus Köln, der andere aus Berlin. Sie haben mit ihren etwa 18 und 19 Jahren bereits weit über ihren Tellerrand hinaus geschaut. Respekt! Sie arbeiten für ein Jahr bzw. 6 Monate hier in der guarderia und/oder in der Altenherberge.
Ich sollte nun endlich die Berichte online stellen können. Doch wir sind hier weit weg vom schnellen Internet und sonstigem diesbezüglichen Luxus. Nur durch die Kunst von Peter gelingt es, auch diesen noch „abzuarbeiten“.
Es ist bereits 00.14 Uhr. Ich liege schon im Bett und bin müde.
Buenas noches!

23.11.2015

Comarapa hat ein feines Klima: tagsüber sehr warm, in der Nacht kühlt es ab … man kann gut schlafen. Morgens sind die Vögel ziemlich laut … auch die Hühner und Hunde. Mofas sind aufgemotzt und machen einen unglaublichen Lärm. So um 5.30 Uhr wache ich auf, da ist es auch schon hell und die Sonne scheint durch die Gardinen.
Zum Frühstück gibt es Brot, Marmelade, Käse, Tee …
Eigentlich wären für heute Operationen geplant gewesen, doch der Anästhesist ist nicht da. Er kommt erst am Mittwoch wieder, da werde ich jedoch bereits in Cochabamba sein. So gibt es ein Alternativprogramm.
Um 9.00 Uhr fahren wir nach Saipina, eine gute Stunde Fahrt von Comarapa. Der Weg ist holprig und staubig … es ist ziemlich heiß. Hna. Angela erwartet uns am Eingang und umarmt uns herzlich. Nach einem refresco besichtigen wir die Zahnarztpraxis, die wir errichtet hatten. Es ist gerade Betrieb, eine Wurzelbehandlung wird durchgeführt. Laut Hna. Angela läuft der Betrieb gut.
Nach einem kurzen Ausflug zum Fluss gibt es bereits Mittagessen: pollo, aroz, ensalada, dazu ein kühles Bier. Es gibt oft dreimal am Tag pollo … Es schmeckt gut!
Die Sonne brennt unbarmherzig herunter, die Luft steht und man kann sich vorstellen, dass unter diesen Voraussetzungen ein Arbeiten im Freien sehr anstrengend ist, oder für Viele nicht in Frage kommt.
Wir fahren los nach Comarapa und kommen nach eineinhalb Stunden an. Die Kinder erwarten und empfangen uns in der guardería recht herzlich mit Gesang (12stimmig…) und Gedichten, erzählen sofort ganz unbehelligt von ihren Geschwistern und ihren Familien.
Alvaro ist 6 und vor einem Monat durch einen Anfall mit Erbrechen aufgefallen, seither zieht er ein Bein etwas nach! Das Reden geht schwer und er ist sehr müde. Zudem gibt er Kopfschmerzen an. Ich untersuche ihn kurz – als Nicht-Neurologe – und er ist neurologisch auffällig. Die Mutter habe ihn bereits in der Stadt untersuchen lassen … sogar ein CT liegt vor und man habe ihr gesagt, es sei eine Kopfoperation dringend notwendig. Die Mutter hat kein Geld … Ich lasse mir am Abend noch die CT-Bilder bringen.
Am späteren Nachmittag kommen noch ein paar Familien, die dringend Hilfe brauchen.
Dann kommt die Mutter mit Alvaro. Alvaro legt sich auf das Sofa und schläft sofort ein. Die CT-Bilder – bereits ein Monat alt – zeigen (soweit ich das beurteilen kann) einen ausgeprägten Hydrozephalus mit einem Tumor im Abflussgebiet der Ventrikel. Eine Entlastung (Ventil) ist dringend notwendig. Ich sage sofort finanzielle Hilfe zu. Wir organisieren den baldigen Transport nach Cochabamba mit 8/9 Stunden Fahrt. Das Legen des Ventiles kostet mit Aufenthalt und Material 300 Dollar. Ich nehme den dahindösenden Alvaro in den Arm und drücke ihn an mich, im Wissen, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange leben wird … Die Mutter bindet Alvaro auf ihren Rücken und geht dann nach einer kurzen Umarmung heim. Auch sie hat die Tragweite der Situation erkannt.
Hns. Maria wird sich um alles Weitere kümmern.
Wir gehen noch mit Peter und Anton auf ein Bier, doch trinke ich nur einen Schluck … es schmeckt bitter. Lange denke ich noch darüber nach, über die Unterschiede der Welt, Unterschiede in der medizinischen Versorgung, der Möglichkeiten, die Ungerechtigkeit, dass Alvaro (weil er hier in Comarapa, in Bolivien , geboren ist) keine Chance auf eine adäquate medizinische Behandlung hat, aus finanziellen, medizinischen und anderen Gründen. Es tut weh …

24.11.2015

Heute ist es morgens ruhiger – ich habe gut geschlafen. Wir haben noch ziemlich Programm, bevor wir zu Mittag nach Chochabamba fahren.
Nach dem Morgenkaffee gehen wir zu albergue (Altersheim) und besuchen Ronal. Er hatte vor vier Jahren einen Motorradunfall und ist seither nahezu querschnittgelähmt. Seine Frau hat ihn verlassen, der kleine Sohn (5) wohnt bei der Mutter, besucht ihn aber regelmäßig. Paul geht in den Kindergarten daneben, welchen wir gebaut haben. Ronal hat eine offene Wunde hinten, die dauernd nässt. Es ist eine Fistel, die man in seinem Zustand und unter den Bedingungen hier lieber nicht operiert. Ich erkläre ihm das und er ist zufrieden. Sein Zustand hat sich – im Vergleich zum letzten Jahr – deutlich gebessert. Er ist vollständig unabhängig, hievt sich selbst vom Bett in den Rollstuhl, auch der Blasenkatheter ist jetzt weg. Er arbeitet seit einigen Monaten in der Küche mit, da kann er sich etwas verdienen … die Miete für sein Zimmer übernehmen wir seit vier Jahren. Sein Rollstuhl ist kaputt, ich gebe ihm das Geld, damit er sich einen neuen kaufen kann. Das macht er alles selber.
Die alten Menschen hier im Heim sind großteils psychiatrisch auffällig, schreien immer wieder laut auf, einer singt aus Leibeskräften, eine andere liegt zusammengekauert in einer Ecke, sie will nicht auf die Bank oder ins Bett. Ein anderer zieht mich zu sich, um mich zu begrüßen. Eine andere Frau umarmt mich herzlich. Alle sind sauber und ich bewundere das Personal, welches diese Arbeit macht. Hna. Gundelinde hat dieses Haus gebaut. Vorher waren viele dieser Bewohner auf der Straße und sich selbst und dem Schicksal überlassen.
Wir gehen dann zur guardería und zum Kindergarten und treffen uns mit Hna. Maria. Sie ist die Direktorin und schaukelt alles in bewundernswerter Art und Weise. Wir machen die Abrechnung vom Zubau, alles stimmt auf den Groschen. Ich gebe noch das Geld für die Miete von Ronal - das ist jetzt weniger – und zudem lasse ich noch etwas für den Einkauf von Naturalien da. Hna. Maria umarmt mich unter Tränen.
Danach treffen wir noch Paul, den Sohn von Ronal. Er macht einen aufgeweckten Eindruck. Die Kinder haben gerade Pause und vergnügen sich im Park mit einem Ball und einem alten Reifen, einige mit der großen Schaukel.
Es ist eine Freude zuzuschauen und ich bin stolz, was wir mithilfe der Spender hier errichtet haben. Vielen Dank!!!
Es drängt die Zeit. Wir müssen noch vor 12.00 Uhr wegfahren, da die Straße erweitert wird und man nur in bestimmten Zeiten durchfahren kann,
Es gibt noch eine gute Suppe, dann geht es los. Der neue Fahrer Franz fährt zügig und sicher. Es geht über eine großteils holprige, nicht asphaltierte Straße. In einigen Kurven zäumen dutzende Kreuze, als Erinnerung an die vielen Verunglückten, den Weg … es wird einem schon ein bisschen schummrig dabei. Dann werden wir vor einer Brücke aufgehalten, es geht erst in 40 min. weiter. So machen wir eine Zwangspause auf einer Höhe von ca. 4.000 Metern über dem Meeresspiegel. Dann geht es weiter und wir kommen nach etwa 7 Stunden in Chochabamba an. Auch hier werden wir wieder herzlich empfangen. Wir bleiben zum Abendessen: es gibt pollo con arroz. Wir haben heute ja zu Mittag kein Hühnchen gegessen … Das „Hotel“ ist ganz in der Nähe. Ich hatte zwei Zimmer bereits von Comarapa aus reserviert, doch der Rezeptionist kann/will sich an nichts erinnern. Nach einigem hin und her geht es dann. In den Zimmern ist bereits ein Willkommensgruß mit Blumen und Schokolade, was die Hermanns hergerichtet haben … sehr aufmerksam. Die Fahrt war anstrengend und ich falle ins Bett. Der ersehnte Schlaf dauert nicht lange und erst ein tösendes Geräusch weckt mich um 2.00 Uhr. Ich muss mich erst orientieren, dann sehe ich vom Fenster aus, wie sie das Haus nebenan abreißen. Offensichtlich – das habe ich am nächsten Tag erfahren – dürfen sie nur in der Nacht solche Arbeiten machen, weil diese untertags zu gefährlich sind. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken. Nach ein paar Stunden brechen sie ab und ich freue mich auf ein paar Stunden Ruhe. Doch eine Gelse sticht mich mehrmals im Gesicht. Den Gelsenstecker hatte ich in der Hektik in Santa Cruz zurückgelassen. Nach fünf Stichen ziehe ich das Leintuch über mein Gesicht, doch da bekomme ich schlecht Luft und so ist an weiteren Schlaf nicht zu denken. Es wird schon hell.

25.11.2015

Mein Gesicht juckt, die Augen bringe ich fast nicht mehr auf und im Spiegel sehe ich, dass sie von den Gelsenstichen fast komplett zugeschwollen sind. Umschläge mit kaltem Wasser helfen etwas, sonst habe ich nichts dabei, es liegt alles wohlbeschützt in Santa Cruz … Wir treffen uns um 9.00 Uhr mit Mirtha und Marga, einer Frau aus Tirol, die bereits seit 20 Jahren in Bolivien wohnt. Sie macht die Abrechnungen für das Projekt in Champarancho, wo wir das Essen für die Kinder in den letzten 4 Jahren finanziert haben. Wir werden dort von den Kindern und den Müttern herzlich empfangen. Ich bekomme von den Müttern Blumen, die Kinder klatschen und singen und bedanken sich für die Unterstützung auf ihre Art und Weise. Danach stellen sich einige Mütter noch an, um mit mir zu reden. Sie haben alles Mögliche an Beschwerden: Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Augenbrennen … Da die Zeit drängt und alle nahezu die gleichen Probleme haben, ruft Mirtha den Rest der wartenden Mütter herein und ich erkläre ihnen, was sie tun können, um die Beschwerden zu lindern. Das kostet einiges an Überzeugungskraft, denn ohne irgendein Medikament zu verschreiben, ist das hier (bei uns auch?) sehr schwierig. Marcelino ist auch da. Er ist seit Geburt an wegen einer Rückenmarksfehlbildung im Rollstuhl, sieht fast nichts mehr und ist inzwischen 17 Jahre alt. Wir unterstützen ihn bereit seit 7 Jahren. Auch Gustavo ist da. Ihm haben wir Hörgeräte und eine Sonderschule finanziert. Jetzt kann er ein paar Worte sprechen und auch etwas hören, er liest ein paar Zeilen als Dank vor.
Anschließend fahren wir zurück in das Zentrum, essen charquq (getrocknetes, gesalzenes Rindfleisch), die Betreuer/innen von Chamarancho sind auch dabei.
Um 14.00 Uhr treffen wir uns dann mit den ursprünglichen „brillos“ bei den Hermanns. Ich bin schon gespannt, wer alles kommt und traue meinen Augen nicht: fast alle sind gekommen.
Alex: ihn habe ich schon drei Jahre nicht gesehen. Er studiert in Trinidad, macht dort eine Militärschule … ohne unsere Hilfe wäre das nicht möglich. Jetzt in den Ferien arbeitet er. Sein Bruder Ismael hat es eilig, da er an der Uni zu tun hat. Ein weiterer Bruder – Javier – studiert Architektur und arbeitet morgens als Friseur. Dazu hat er eine Ausbildung gemacht und erzählt mit Stolz, dass er 10 Stammkunden (clientes) hat. Wenn da wenig los ist, macht er Taxichaffeur. Seine Vorlesungen beginnen erst am Abend. Fernando – einer der ersten – ist auch da. Er hat seit 10 Jahren eine fixe Anstellung und inzwischen 2 Kinder. Jorge, Jesus, Yonathan, Alvaro, Mauricio – alle arbeiten und/oder studieren. Dabei waren sie alle zu Beginn auf der Straße.
Es ist zwar eine magere „Ausbeute“, doch bin ich darüber so unheimlich stolz!
Rosy und Fabiola sind seit ein paar Jahren bei der Gruppe dabei. Sie werden demnächst den Abschluss machen und arbeiten. Sie möchten etwas von dem Erhaltenen zurückgeben, weitergeben. Rosy hat eine Gastronomieausbildung bald fertig, Fabiola ein Wirtschaftsstudium, beide mit guten Noten. Auch sie beide arbeiten neben dem Studium.
Es kommt dann noch eine Familie, die dringend Hilfe braucht. Die Mutter arbeitet als Wäscherin, kann mit dem geringen Gehalt oft kaum die Miete bezahlen und wird deshalb immer wieder hinausgeschmissen. Zum Essen gibt es oft den ganzen Tag nichts. Die drei Kinder gehen zur Schule, wohnen alle in einem Raum … der Ältere ist unterernährt und schaut krank aus. Sie erzählen ihr Leid und ihre Not, dabei bricht die Mutter in Tränen aus. Der Sohn Jhojan, 15 Jahre, umarmt die Mutter und heult mit. Wir nehmen beide in den Arm … Es ist so traurig und wir wissen, dass ein ähnliches Schicksal nicht nur sie betrifft, sondern ganz viele. Wir versprechen, ihnen zu helfen und werden sie morgen besuchen.
Dann gehen wir mit ihnen allen in ein Lokal zum Abendessen. Eigentlich war nur ein Eis geplant, doch sie haben alle Hunger. Jhojan hat den ganzen Tag nichts gegessen und isst alles zusammen … für seine Geschwister lassen wir noch ein Gericht zum Mitnehmen herrichten. Der Rest, der von den großen Portionen übrigbleibt, wird in Plastiktüten verpackt und für die Geschwister mitgenommen, wenn sie es nicht vorher auf dem Heimweg selber aufessen. Ich habe keinen Hunger, es war heute ein bisschen viel. Wir lassen dann alle gehen. Peter und ich treffen uns dann noch zu einem Nachgespräch über das Erlebte. Dazu ein kühles Bier … das tut gut!
Die Besitzerin vom Hotel hatte uns am Morgen bereits ein anderes Zimmer versprochen, auf die andere Seite, damit wir den Baulärm nicht hören und durchschlafen können. Ich wollte noch ein paar Zeilen schreiben, doch ich schlafe mit dem Ipad in der Hand ein.

26.11.2015

Die Nacht im anderen Zimmer ist ruhiger, ich hatte auch ein Schlafdefizit.
Peter hat Geburtstag, wieder einmal anders als daheim. Wir werden heute noch öfters darauf anstoßen. Zunächst treffen wir uns um 8.00 Uhr im Konvent, da wir zu den cleferos unter der Brücke fahren.
Javier ist bereits mit seinem Auto da, welches er von seinem Onkel ausgeliehen hat und mit dem er sich als Taxifahrer etwas fürs Studium verdient. Javier ist einer der ersten „brillos“. Er hat es von der Straße zu einem Unistudium geschafft, welches e3r in einem Jahr abschließen wird. Er studiert Architektur und hat unglaublich gute Ideen.
Wenn die Ausbeute der Jugendlichen, die es schaffen, auch nicht überwältigend ist, so freut mich das heute doch ganz besonders.
Wir fahren mit Hna. Josefine hin, es ist aber niemand dort, nur ihre Habseligkeiten sind unter der Brücke. Wir gehen dann in ein nahegelegenes Geschäft und kaufen für sie Brot, Kekse und Getränke, packen alles in einen dicken Plastiksack um zu verhindern, dass die Hunde es aufreißen, und legen es in den Kanal in eine Nische, dazu ein paar Zeilen mit Grüßen von uns drei. Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, sie nicht anzutreffen, doch es passt schon. Josefine gibt nicht auf und wir fahren zwei cuardas weiter und treffen vier von ihnen, die freuen sich sehr, zwei weitere liegen am Boden der Verkehrsinsel, während die anderen den vorbeifahrenden Autos die Scheibe putzen und hoffen, ein paar centavos zu bekommen. Sie sagen uns dann auch, wo die anderen zu finden seien. Wir finden sie auch dort, beim Essen. Sie erkennen uns und freuen sich sehr. Die kleine Maribel ist gerade 11 Monate, ihr Vater Jorge 16, die Mutter Elena 15. Maribel ist hier im Kanal unter der Brücke geboren, für ihr „Alter“ viel zu klein, die Mutter schnüffelte ja auch in der Schwangerschaft, und das Mädchen bekam die Droge (clefa) nicht nur im Mutterleib mit … Das Kind strahlt uns an, hat keine Angst vor uns, starrt uns immer wieder verwundert mit großen Augen an, jeder will es in den Arm nehmen und an sich drücken. Und es tut so weh, zu wissen, dass es unter diesen Voraussetzungen im Leben wohl keine Chance haben wird. Fabiloa, 14 Jahre, ist auch da, sie hat zwei Kinder, die hat man ihr bereits abgenommen. Doch dort wird es den Kindern nicht viel besser gehen.
Wir fahren dann nach Quillacollo, ein Ort außerhalb von Chochabamba und besuchen die Familie von Jhojan. Die Mutter zeigt uns den Weg. Wir betreten ein kleines Zimmer, ein Bett, darin schlafen noch die zwei kleineren Geschwister, in der Nacht mit ihrer Mutter, auf dem Boden liegt Jhojan zusammengekauert und schläft. Daneben eine große Kanne Tee. Es gibt keine Küche, keinen Herd, keinen Tisch, keinen Stuhl. Hausaufgaben werden am Boden gemacht, tageweise haben sie nichts zum Essen, es langt oft nicht für die Miete, was die Mutter beim Wäschewachen verdient, geschweige denn für die Schule für die Kinder oder das Essen. Deshalb werden sie immer wieder hinausgeschmissen.
Peter geht mit den kleineren Geschwistern Brot und Wasser kaufen. Die Mutter klagt mir indes noch einmal ihr Leid. Wir werden hier helfen, auch wenn wir wissen, dass es daneben tausende ähnliche Fälle gibt. Hna. Celina wird nach einem Grund schauen, dann können wir ein kleines Haus bauen … Sie sollen uns fast nicht gehen lassen, umarmen uns immer wieder, schauen uns am Drahtzaun noch lange nach. Javier bringt uns zum Konvent, wo wir noch vor dem Flug nach Sucre etwas essen, pollo gibt es, mit arroz, ensalada … Dazu ein Bier aus der Dose, gekühlt. Herrlich!!!
Franz, der Fahrer, bringt uns zum Flughafen, er macht einen Umweg, er ist neu und kennt sich nicht wirklich gut aus. Wir schaffen es aber noch rechtzeitig. Dann geht’s nach Sucre, 30 Minuten Flug und das alles zum Geburtstag von Peter. Dort angekommen, auf fast 3.000 Metern Meereshöhe, werden wir von Amelia und dem Fahrer schon erwartet, sie bringen uns in die Stadt. Sucre ist wunderschön! Wir besuchen noch die von ihnen geleitete Krankenpflegeschule, dann bringen sie uns ins Kolping, schön auf einer Anhöhe gelegen, mit Blick auf die ganze Stadt. Ein glühendes Abendrot rundet alles noch ab und alles nimmt etwas von der tristeza der letzten Tage weg, es macht das Erlebte etwas leichter und lässt für einen Moment aufatmen. Erst wenn es finster wird gehen wir etwas essen, es gibt pollo al picante … Ich glaube, ich habe dann bald das Soll oder den Bedarf an pollo für das ganze Jahr erfüllt. Aber das Huhn ist gut!
Ich bin sehr müde, das Zimmer ist sauber, es ist kühl, sodass ich gut schlafen kann. Morgen ist wieder volles Programm. Gute Nacht.

27.11.2015

Hier auf fast 3.000 Metern ist es in der Nacht recht kühl. Ich wache einmal auf, weil ich zu kalt habe, hol mir eine Decke und schlafe dann gut, bis mein Wecker um 7.15 Uhr läutet. Um 8.00 Uhr werden wir abgeholt und fahren nach Yotala, einem Dorf mit etwa 5.000 Einwohnern in der Nähe von Sucre, eine gute halbe Stunde Fahrtzeit. Dort wollen wir die Schule besuchen, deren Bau wir finanziert haben.
Im Innenhof wartet bereits eine Schar von Kindern und Schülern, die uns mit großem Applaus und Konfetti empfangen. Der Direktor hält eine kurze Ansprache, dann folgen noch ein paar kurze Reden. Wir bekommen Auszeichnungen, der Musikprofessor trägt ein Lied mit der Mundharmonika unter Begleitung von Klaviermusik vor. Die Freude und die Dankbarkeit sind groß. Dann wird noch einmal für das gestrige Geburtstagskind ein Lied angestimmt. Eine Tanzgruppe tritt nun auf … alles Schülerinnen und Schüler dieser Schule. Sie tanzen so schön, dass man eine Gänsehaut bekommt. Wir müssen auch noch mit den Mädchen der Gruppe tanzen – alle schön gekleidet und mit einem Rhythmus, der einen mitreißt … das alles in der prallen Sonne auf fast 3.000 Metern!
Anschließend besuchen wir dann den Bau, der noch nicht ganz fertig ist, aber einen stabilen Eindruck macht … zweistöckig, insgesamt 4 Aulen (Schulräume). in dem Bereich ist noch Grund für einen Zubau vorhanden. Der Plan liegt schon vor, der Kostenvoranschlag ebenfalls. Sie wollen noch 6 weitere Aulen dazu bauen. Wir werden im Vorstand noch darüber abstimmen, ob wir den weiteren Bau finanzieren werden. Wir sind sehr beeindruckt.
Nachher fahren wir ein Stück weiter und besichtigen eine Landwirtschaftsschule, welche auch von der gleichen Einrichtung geführt und großteils von Deutschland finanziert wird. Da gibt es Hühnerzucht, Viehzucht, eine lechería, wo sie Käse und Yoghurt erzeugen, Ziegen Schafe, Meerschweinchen, normale Schweine, Kaninchen, eine Tischlerei, in der sie auch die Fenster und Türen für „unseren“ Schulbau hergestellt haben. Daneben eine Schneiderei und einen Schulbau mit mehreren Klassen, dazu noch eine Art Heim für die ca. 200 Schuler, ein comedor inkludiert. Das alles ist ein kleines Dorf – es macht einen gut organisierten Eindruck. Die Zeit drängt, wir müssen ja noch nach Santa Cruz zurückfliegen. Wir werden dort zum Essen eingeladen. Es gibt pollo mit Reis und aji, Kartoffeln und Salat, vorher noch eine Hühnersuppe. Ich trinke nur Cola, meine Gedärme sind durcheinander. Vielleicht habe ich eine Allergie auf pollo …
Wir werden dann wieder nach Sucre zurückgebracht und nach einer kurzen Rast auf der plaza zum Flughafen kutschiert. Der Flug selber dauert nur 30 Minuten. Wir kommen wieder wohlbehalten um 18.00 Uhr in Santa Cruz an. Es ist noch Zeit für eine kurze Dusche, wir werden nämlich bereits bei Hna. Rosa Maria erwartet, da sie sich von Peter verabschieden möchten. Wir gehen hinein, alles ist dunkel, Dann geht plötzlich das Licht an und etwa 30 Jugendliche sind da und singen ein Geburtstagslied. Es wird ordentlich nachgefeiert, Geschenke, tanzen, musizieren … Kuchen gibt es, grün und rot verziert. Dabei haben wir eine Einladung um 20.00 Uhr bei Dr. Jorge daheim. Es wird dann 21.30 Uhr, bis wir uns losreißen können, etwas müde, durchnässt, durchgeschwitzt vom Tanzen, aber zufrieden und glücklich, dankbar …
Dr. Adolfo wartet bereits seit einer Stunde draußen, doch das ist die bolivianische Zeit und mir scheint, als ob wir uns schon ein bisschen an diese angepasst hätten. Bei Dr. Jorge geht das Feiern weiter. Es gibt wieder zum Essen, Fleisch vom Grill und alle möglichen Zutaten.
Um 1.00 Uhr fahren sie uns heim. Ich bin sehr müde aber zufrieden, voll von Eindrücken, voll auch von einigen, die ein bisschen drücken …

28.11.2015

Peter muss um 7.00 Uhr schon zum Flughafen, so war nicht viel Zeit zum Schlafen. Er fliegt über Miami, dann nach Madrid und München. Danke für deine Hilfe! Guten Flug! Ich bleibe noch eine Woche.
Ich habe mir vorgenommen, an diesem Wochenende ein bisschen leiser zu treten. Außerdem muss ich noch die Reiseberichte schreiben und Karten verschicken. Dazu setze ich mich in ein Lokal an der plaza, ins Irish Pub, im ersten Stock, an einen Tisch im Eck. Da bleibe ich einige Stunden. Es spielt Musik der 70er Jahre … das alles tut gut. Ich habe alle Einladungen abgesagt und hier finden sie mich nicht …
Müde komme ich heim und freue mich aufs Bett. Im Zimmer werde ich wieder zurückgeholt in die bolivianische Realität. Unter meinem Fenster wird gefeiert, laute Musik, Schlagzeuge und laute Stimmen. An Schlaf ist da nicht zu denken. In der Regel geht das hier mindestens bis um 3.00 Uhr. An der Rezeption hat man für meine Sorgen Verständnis. Ich bekomme für diese Nacht ein anderes Zimmer, mit dem Fenster auf die andere Straßenseite und schlafe gut.

29.11.2015

Es ist Sonntag … der erste Adventsonntag … ein bisschen eigenartig hier. Es ist alles in Blüte, allerdings ist es heute ein bisschen kühler, es nieselt leicht.
Ich freue mich auf eine Dusche, doch es gibt heute kein Wasser. So mache ich halt eine Katzenwäsche mit Mineralwasser ohne Kohlensäure, war mir noch von gestern übriggeblieben ist. An der Rezeption erklärt man mir, dass der ganze Barrio (Stadtteil) betroffen sei und man schon dabei wäre, alles zu richten. Nach ein paar Stunden frage ich wieder nach, doch es ist nichts passiert … man müsse Geduld haben. Ich bekomme von zwei Familien Besuch: Quiero hablar con Usted, d.h. „ich möchte mit ihnen reden“, so sagen sie hier immer und erzählen mir von ihren Problemen und Nöten.
Später bin ich in einem Innenhof in der Stadt und schreibe weitere Tagesberichte und Karten … so vergeht die Zeit im Nu. Hier ist es sehr ruhig und ich kann mich ein bisschen erholen. Das Schreiben der Reiseberichte tut gut, da kann man sich das Erlebte von der Seele schreiben. Daheim erwartet mich wieder Besuch: Leonardo wartet auf mich. Er hat ein problemito … Leonardo ist 14 und hat ein Mädchen in der Schule, welches ihm gefällt. Er ist sozusagen in das Mädchen verliebt. Am Montag ist der letzte Schultag, dann werden sie sich nicht mehr so oft sehen. Er möchte aber seine Freundin, die offensichtlich noch nichts von ihrem Glück weiß. zum Abschluss ins Kino einladen. Das problemito: er hat kein Geld und keine Schule … Ich gebe ihm 40 Bolivianos (5 Euro) für den eintritt und ein Essen für zwei, sowie das Geld für neue zapatos. Er strahlt bis hinter die Ohren. Das problemito ist gelöst!
Dann kommt noch eine Familie, quiero hablar con Usted. Ich höre zu … wieder Probleme daheim: die Mutter arbeitet, alleinstehend, fünf Kinder, schulpflichtig! Gas und Strom sind abgedreht, da sie diesen Monat nicht zahlen kann. Über Hna. Rosa kenne ich sie und weiß, wo und wie sie wohnen. Auch dieses Problem können wir lösen, allerdings nur kurzfristig, aber immerhin.
Es gibt immer noch kein Wasser … vielleicht morgen, aber es gibt größere Probleme, als einen Tag ohne Wasser zum Duschen und Zähneputzen … Es ist schon spät, es ist fein kühl und ich schlafe gut.

30.11.2015

Es gibt immer noch kein Wasser … man merkt erst dann wenn es fehlt, wie wichtig das für einen ist und dann lernt man er schätzen …
Ich fahre noch an der Post vorbei und dann ins Krankenhaus Villa Rrimero de Mayo. Wir operieren eine akute Cholezysritis, das ist eine schwere Gallenblasenentzündung mit Gallenstein. Das ist hier eine Herausforderung, doch es geht alles gut. Daneben ein Kaiserschnitt … das Kind schreit und ist gesund. Dann treffe ich die directoria Mari Luz und Doctora Caro. Dr. Adolfo und Dr. Jorge sind auch da. Wir besprechen eventuelle weitere Projekte. Anschließend lasse ich mich zur Familie von Juan Pablo bringen. Sie mussten ausziehen, da die Schwester das Haus verkauft hatte. Nun wohnen alle bis Juni 2016 in einem Mietshaus von anticretico, dann müssen sie weiterschauen. Zwei Schwestern arbeiten, aber es sind so viele im Haus, Geschwister, Halbgeschwister, Enkelkinder und noch andere, die ich nicht zuordnen kann, will auch nicht fragen …
Es gibt keine Küche, nur drei Schlafzimmer. In einem mit zwei Betten schlafen 6, im anderen 5 Personen aneinander gepfercht, das Gewand in grünen Plastiksäcken, aber alles unter einem Dach Eine Kochstelle in einem Eck dient als Küche, ein Gasherd, sonst ein paar Bretter, auf denen Reste vom letzten Essen, Fleischstücke, Reise und Kartoffeln lagern, zugedeckt mit schwarzen Plastiksäcken, übelriechend, vergammelt … davor tummeln sich Enten und Hühner, ein Schwein grunzt zufrieden, einer der drei Hunde hat gerade Junge bekommen … sie sehen ausgezehrt und krank aus. Darüber zwei Mangobäume, die Früchte bald reif, rundherum Drahtzaun mit Lücken. Staub und Gestank von der Straße und dem Kanal daneben runden die Idylle noch ab … aber es gibt noch Schlimmeres …
Im Zentrum treffe ich dann noch Dr. Duran, der im kommenden Jahr nah Kufstein kommen möchte. Er ist Arzt, Chirurg und möchte bei uns die Laparoskopie, die Knopflochchirurgie anschauen. Wir besprechen noch alles … er wird sich um die nötigen Dokumente kümmern. Daheim angekommen gibt es wieder Wasser. Zuerst kommt es fast schwarz aus dem Hahn, aber nach ein paar Minuten schaut es wieder besser aus und ich freue mich nach zwei Tagen auf eine Dusche, verschwitzt, alles klebt, stinkt … Doch das fällt hier gar nicht mehr so auf, offensichtlich, weil alle im gleichen Boot sitzen. Dann noch einen Mate, dazu Toastbrot, mein Intestinum ist immer noch nicht in Ordnung. Aber ich fühle mich nicht krank.
Ich organisiere noch mit Hna. Rosa Maria den kommenden Tag Wir werden uns im colegio am Nachmittag zum Pizza machen treffen. Das ist schon Tradition und von den 60 „Geladenen“ kommen sicher wieder um die 80. Alle freuen sich schon riesig darauf. Wir müssen morgen noch vorher die Zutaten einkaufen, Ich weiß nicht mehr genau, wieviel ich zum Mehl Hefe dazugeben muss, aber da habe ich in meiner Heimat einen Telefonjoker. Gute Nacht!

01.12.2015

Viele Dinge sind hier anders.
Der gefährlichste Fleck auf der Straße ist hier der Zebrastreifen. Es gibt ihn hier überall, doch nicht im Sinne des Erfinders. Da muss man schauen, dass man nicht überfahren wird, da wartet kein Auto, wenn man überqueren will. Das Auto hat hier immer Vorfahrt, auch wenn man schon mitten auf der Straße ist. Und die Autos kommen hier aus allen Richtungen. Ich habe die Verkehrsordnung noch lange nicht verstanden, doch ich glaube, dass einfach der Stärkere Vorfahrt hat. Der, der am mutigsten ist, den kann auch keine rote Ampel zurückhalten. Es passiert aber sehr wenig, weil sich offensichtlich alle an diese „Verkehrsordnung“ halten. Nur in den kleineren Dörfern ist es leichter. In Comarapa zum Beispiel, da fahr ich schon manchmal mit der „peter“, einem 25 Jahre alten roten VW Käfer. Darin habe ich fast nicht Platz oder auch mit der Camioneta, einem größeren Gefährt. Das ist herrlich! Da schlagen Männernerzen höher …
Etwas anderes ist die Pünktlichkeit: Die gibt es eigentlich gar nicht oder nur in seltenen Fällen … das macht mich fast „narrisch“. Da kann ich dann schon einmal kurz ganz ungemütlich werden. Die Leute schauen mich dann mit großen Augen an. Sie verstehen es dann auch, was ich meine, jedoch nur für kurze Zeit. Ich habe es längst aufgegeben, hier zu investieren. Am besten geht es, wenn ich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin nicht mehr da bin. Das wirkt. .... Ich habe noch einiges zu tun, muss noch herumtelefonieren: Hospital Villa Primero de Mayo, Comarapa, Cochabamba …
Um 12.00 Uhr, en punto, treffe ich mich mit Daniel, dem abogado, der uns mit einer camioneta abholt, um für den Pizzaabend die Zutaten einzukaufen. Bani, Jorge, Ibis und Leonardo sind auch dabei. Wir finden alles war wir brauchen: 8 kg Mehl, Hefe, Tomatensauce, Mozzarella, Champignons, Zwiebeln, Thunfisch in Dosen, Mai (das ist obligat), Schinken oder so etwas wie Schinken (schmeckt ganz anders, nicht so wirklich appetitanregend), Oregano, Basilikum …
Dann geht’s zum colegio. Viele warten schon auf uns, denn Pizza ist etwas ganz Besonderes. Ich bereite den Teig vor, verarbeite 8 kg Mehl. Der Teig geht gut auf, es riecht gut nach Hefe. Dann wird der Teig von den „Mitarbeitern“ belegt. Es ist köstlich zuzuschauen – es kommt alles drauf, Hauptsache viel, Knoblauch dazu und nun rein in den Ofen! Viele hungrige Mäuler warten schon. Alles wird aufgegessen, denn es sind mehr als geplant, auch die Nachbarkinder, die vom Duft angezogen werden, können und wollen wir nicht abweisen. Es ist ein Fest! Sie vergessen für kurze Zeit den tristen Alltag, den Hunger, die Armut, die Aussichtslosigkeit und strahlen übers ganze Gesicht. Anschließend gibt es noch kleine Geschenke für alle und darauf Musik und Tanz. Eine Gruppe tanzt vor, dann komme ich dran, komme nicht aus, muss mein Tanzbein schwingen und alle klatschen im Takt … auch ich vergesse für kurze Zeit die Armut hier, das Elend, die Traurigkeit und kann für einen Moment die erlebten Eindrücke wegschieben …

02.12.2015

Morgens kommen einige Familien, „quieren hablar conmigo“. Sie möchten mit mir reden. Ich horche ihnen zu, sie brauchen fast alle etwas … ich verweise sie dann an Hna. Rosa Maria, die alles koordiniert.
Am Nachmittag ziehe ich mich dann zurück, möchte alleine sein, schalte alles ab, nehme ein Buch, lese, schreibe oder schaue den Leuten auf der „plaza“ zu. Das tut so gut. Am Abend spricht mich dann dennoch jemand auf der plaza an. Sie kenne mich von der „Gruppe“ … ich erinnere mich dann an sie – Katherin – sie ist heuer dazugekommen und wird für das Unistudium unterstützt. Ich lade sie und ihre Freundin zu einem drink ins „Lorca“ ein. Dann lass ich mich heimbringen, denn zu Fuß wäre es um diese Zeit zu gefährlich …
Es war ein guter Tag!

03.12.2015

Heute wird die guerdería eingeweiht, die wir finanziert haben. Daniel und Hna. Rosa Maria holen mich um 9.00 Uhr ab. Es liegt etwas außerhalb, ich kenne die Gegend schon von den letzten Besuchen. Die Renovierung des alten Baues mit Erneuerung des Daches haben wir ebenfalls finanziert. Ich konnte mich öfters davon überzeugen, dass es gut funktioniert. Hna. Lucia leitet den Betrieb. Es gibt hier auch eine Küche, sodass die kleinen Kinder essen können. Das ist hier ganz wichtig, da sie sonst oft längere Zeit nicht bekommen. Es gibt hier in dieser Gegend nach wie vor viele Kinder, die unterernährt sind und auch solche, die daran sterben. Zudem gibt es viele Tuberkulosefälle, auch bei kleinen Kindern, die sehr häufig daran zugrunde gehen. Die Behandlung der Erwachsenen ist schwierig, da sie wegen der Nebenwirkungen die Medikamente daheim oft nicht nehmen. Und so ist es notwendig, dass sie vor Ort unter Aufsicht die Medikamente bekommen und einnehmen.
Alle sind da: der Pfarrer, die Kinder, die Eltern, der Architekt und viele mehr ... alle sind aufgeregt. Zunächst steht eine Messe am Programm, dann die Segnung des neuen Gebäudes. Ich muss die Schleife durchschneiden und eine Falsche „Sidre“ an der Mauer zerschlagen, sonst ist das nicht gültig. Man zeigt mir, wie man das macht. Das letzte Mal in Comarapa habe ich nur den Korken fliegen fliegen lassen. Das war offensichtlich nicht ganz richtig, aber man hat es mir verziehen. Jetzt mache ich es richtig und alle klatschen Beifall. Es wird an der Maier eine Inschrift enthüllt ... da steht mein Name, halt so wie sie ihn schreiben, mit der Anerkennung und dem Dank für die Finanzierung. Dann gibt es aus kleinen Plastikbechern einen Schluck Sidre ... das schmeckt seht gut, ich hätte auch zwei Portionen vertragen ... Der dritte Teil der Veranstaltung folgt nun mit Tänzen. Die Kleinen sind nett verkleidet und hüpfen im Takt. Auch die Angestellten der Küche und die anderen Bediensteten tanzen. Es ist eine Freue zuzuschauen. Alles dauert, wie immer ...
Später gibt es ein Festmahl: Rindfleisch gefüllt mit Gemüse, dazu Reis, Gemüse und Kartoffeln. Auch ein kühles Bier gibt es dazu. Ich probiere ein bisschen ... mein Bauch ist immer noch nicht in Ordnung und am nächsten Tag bekomme ich gleich die Rechnung ...
Der Bau ist sehr gelungen. Wir möchten noch den Kindergarten hier dazubauen. Ich rede mit dem Architekten ... ein Plan besteht bereits, der Kostenvoranschlag ebenso, doch es ist nicht billig. Er hat sich mit unseren Projekten bereits eine goldene Nase verdient. Er muss mit dem Preis 20 % heruntergehen, sonst hole ich einen Gegenvoranschlag von einem Architekten aus Sucre, den ich kenne. Ich möge doch warten sagt er ... er werde schauen, was sich machen lässt, das Material sei so teuer und überhaupt, bei der Hitze, die Arbeiter kosten so viel ... Er weiß nicht, dass ich nur blöffe, aber es wirkt. Morgen bekomme ich einen neuen Kostenvoranschlag.
Daniel und Rosa Maria bringen mich heim. Ich lege mich ins Bett und schlafe ein.

04.12.2015

Ich hatte bereits fast den ganzen Tag geschrieben, dann plötzlich alles weg, also dann noch einmal ...
Am Morgen kommt Airton mit seiner Mutter Rosalia und seinen kleinen Geschwistern Camilla und Negrita. Sein Sohn (5 Jahre) – Dieguito – ist auch dabei. Sie bedanken sich für die Geschenke von den padrinas und erzählen von ihrem Leben. Sie sind dankbar. Er hat aber jetzt den Führerschein, arbeitet bei seinem Vater im Büro und ist sehr stolz. Er möchte mich einmal zum Essen einladen, doch ich glaube, das wird sich nicht mehr ausgehen.
Dona Rosa kommt auch. Sie hat Probleme, ist alleinerziehend mit vier schulpflichtigen Kindern und von der Wichtigkeit der Schule überzeugt. Sie kann nicht lesen und schreiben. Man hat ihr den Strom abgedreht, weil sie seit drei Monaten rückständig ist ... auch das Wasser. Ich gebe ihr 45 Bolivianos, ca. 6 Euro, damit sie alles und noch mehr zurückzahlen kann ... sie umarmt mich herzlichst ...
Hna. Teresa ruft mich an. Sie hat Neuigkeiten von der Familie von Jhojan in Chochabamba. Sie hat bereits einen Tisch und ein Bettgestell organisiert. Es gibt bereits einen „lote“, d.h. einen Grund, der zu kaufen wäre, mit einem kleinen Haus. Ich werde mir das noch anschauen ...
Jhojan sagt: „quiero ir con Usta a su pais“, das heißt: „ich möchte mit Ihnen in ihr Land gehen“. Das sagen Viele, doch das wäre nicht die Lösung, auch wenn man oft dazu geneigt wäre, einige mitzunehmen. Es sind viele, die einem ans Herz wachsen!
Wir versuchen, ihnen hier eine bessere Möglichkeit zum Leben zu ermöglichen, schulische Ausbildung, Berufsausbildung und Vieles mehr ...
Dr. Jorge ruft mich an. Er hat mit einem Freund, wegen einem Traumatologie bezüglich der Frau mit dem gebrochenen Oberschenkel telefoniert. Ich hatte ihm das Röntgen geschickt. Den Eingriff würde sein Freund gratis machen. Nur die Materialkosten und Medikamente, sowie der Aufenthalt wären zu bezahlen. Es müsste aber noch kommende Woche erfolgen, dann sind nämlich Ferien, da ist zu. Hna. Rosa wird sich um das Weitere kümmern ... wir übernehmen die Kosten.
Dann kommt Edson mit all seinen Problemen. Seinen Bruder hat man eingesperrt, er war bei einer dubiosen Aktion ertappt worden. Ich solle ihm helfen. Daniel, der „adogado“, einer unserer „adogados“, wird sich um die „Sache“ kümmern.
Dann möchte ich nur mehr eine Dusche und ein Bett. Es ist heiß, feucht, von der Straße gegenüber dröhnt es laut, ein Fest, eine laute Musik, die Bässe lassen sie Fenster zittern. Die Dusche tropft nur, es gibt nur wenig Wasser ...
Es läutet das Telefon ... es ist bereits 20.00 Uhr ... nicht spät für hiesige Verhältnisse, da fängt der Abend erst an. Hna. Rosa ist dran. Sie entschuldigt sich für den „späten“ Anruf. Es ist etwas passiert. Man hat Julio – einer unserer Gruppe – auf der Straße überfallen. Die Nachbarn haben ihn schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Eine „bandillera“, eine Bande, hat ihn zusammengeschlagen. Das passiert hier oft und diese bandilleras sind nicht zimperlich. Da gibt es jedes Jahr mehrere Tote. Julio hätte einen Bruch des Unterkiefers, man müsse ihn operieren und Abschürfungen am ganzen Körper. Kevin und zwei andere waren auch dabei. Sie sind mit einem – im wahrsten Sinne des Wortes – blauen Augen davongekommen. Ich werde mit Rosa Maria morgen hinfahren und schauen, was passiert ist. Ich werde sich ein bisschen mehr von der ganzen Geschichte erfahren. Buena Salud, so heißt das Krankenhaus.
Ich kann lange nicht einschlafen, so viel geht mir durch den Kopf und das nicht nur durch das fast unerträgliche Geknatter von der Straße gegenüber. Irgendwann schlafe ich dann doch ein.

05.12.2015

Heute ist Krampustag. Hier merkt man das nicht, ich bekomme aber von Freunden ein paar Bilder geschickt.
Um 9.00 Uhr haben wir ausgemacht, ins Krankenhaus zu Julio zu fahren um nachzusehen, wie es ihm geht. Ich bin pünktlich bei Rosa Maria, doch das Taxi ist noch nicht da. Wir nützen Die Zeit für ein kurzes Gespräch wegen der Projekte für das kommende Jahr. Die Gruppe der Studenten werden wir weiter unterstützen – es kommen noch einige Neue dazu. Rosa Maria sucht die Jugendlichen aus. Sie treffen sich einmal im Monate und holen dabei ihre „beca“ ab. Das ist der monatliche Betrag, den sie für ihr Studium bekommen. Sie sind inzwischen bereits ein bisschen eine Familie. Auch zu Weihnachten gibt es ein Treffen. Da bekommen sie ein kleines Geschenk, meist Zahnpasta, Seife und Shampoo, gelegentlich ein Handtuch. Rosa Maria weiß, was sie am notwendigsten brauchen ... sie freuen sich wie kleine Kinder. Auch ihr Geburtstag wird „gefeiert“. Dieser Tag ist sehr wichtig für sie und es gibt auch ein kleines Geschenk. „Daheim“ haben sie zum Teil unvorstellbare Verhältnisse. Ich habe einige von ihnen besucht.
Auch die weitere Unterstützung von verschiedenen Familien werden wir zusagen. Als Bau ist eine Erweiterung der Volksschule dringend notwendig. Wir könnten aufstocken. Ein Plan und ein Kostenvoranschlag liegen bereits vor. Ich muss aber noch im dem Architekten verhandeln. Dazu sind noch einige Kranke, die operiert werden müssen. Auch da sage ich zu, vorbehaltlich der Zustimmung durch den Vorstand.
Dann kommt das Taxi. Wir fahren zu Clínica Buena Salud. Die Freundin von Julio holt uns am Eingang ab und bringt uns zu ihm. Julio ist im gesamten Gesicht geschwollen, sieht fast nicht aus den Augen und hat eine große Platzwunde an der Unterlippe. Dort sieht man auch den verschobenen Unterkieferbruch: die vorderen Zähne sind unten 1 cm nach hinten verschoben. Im Röntgen sieht man den verschobenen Bruch. Er sollte heute operiert werden, er hat – nicht zu Unrecht – Angst. Ich ermuntere ihn und rede mit dem Arzt. Der macht mir einen guten Eindruck und scheint kompetent zu sein. Morgen werde ich erfahren, wie es ausgehen wird.
Ich erfahre jetzt den Hergang des Überfalls. Julio war bei seiner Freundin und hatte drei andere Freunde eingeladen. Er wollte sie dann nachts zur Kreuzung begleiten, wo sie ein Taxi erwarteten. Plötzlich werden alle von einer mehrköpfigen Bande angegriffen und zusammengeschlagen. Sie treten mit den Füßen auf den Kopf des am Boden liegenden Julio ein und schlagen ihn, die anderen kommen glimpflicher davon. Eine Polizeikontrolle kommt zufällig vorbei. Das war sein Glück, sonst hätten sie ihn umgebracht. Das ist hier keine Seltenheit. Eine „banderillera“ kennt da nichts und das war eine solche „Bande“. Diese will nicht einmal sein Handy oder seine Geldtasche, was man erwarten würde und sehr häufig passiert. Es werden Menschen wegen eines alten Handys zusammengeschlagen. Der Grund ist ein anderer, wie ich erst jetzt erfahre. Dass Julio kein unbeschriebenes Blatt ist, wusste ich schon lange. Er gehörte als Jugendlicher eben dieser „bandillera“ an, ist aber ausgestiegen und das wird ihm nie verziehen, das wird von der Bande nie toleriert. Es wird immer verfolgt werden und sie schrecken da vor nichts zurück. Die Polizei fasst die Gruppe bzw. einige davon, die es nicht mehr schaffen, das Weite zu suchen. Leider bringt das nicht viel ... sie werden bald wieder freigekauft sein.

06.12.2015

Heute ist Nikolaustag, eher kühl, nur 22 Grad. In der Nacht hat es geregnet. Es soll aber wieder heiß werden und für morgen sind 32 Grad vorhergesagt.
Ronny kommt schon um 8.00 Uhr und erzählt von seiner Ausbildung. Er bedankt sich für die Unterstützung, sonst hätte er keine Möglichkeit, Er studiert agronomía. Ich kenne ihn seit fast 10 Jahren. Er ist sehr fleißig und arbeitet nebenher.
Dann kommt Frank. Seine beiden Schwestern haben das Studium schon fertig. Er braucht noch ein Jahr, wird auch unterstützt und arbeitet auch zusätzlich.
Danach habe ich mit Hna. Rosa ausgemacht, mich mit ihr zu treffen, um abschließend noch über die neuen Projekte für 2016 zu sprechen. Mit Vorbehalt sage ich zu, werde daheim mit dem Vorstand noch reden. Sie ist überglücklich und ich habe ein gutes Gefühl. Sie kümmert sich sehr gut um die Projekte, wovon ich mich wieder überzeugen konnte. Ich wollte noch für das kommende Jahr ein paar Dinge organisieren. Vor der Tür steht ein micro, das ist ein Kleinbus. Aus dem Fenster schaut ein bekanntes Gesicht und ich traue meinen Augen nicht Es ist Riccardo, der kleine Junge mit der Querschnittlähmung, der letztes Jahr wegen Unterernährung und einer schweren Infektion fast gestorben wäre. Er grinst übers ganze Gesicht, weil ihnen die Überraschung gelungen ist. Seine Eltern sind auch dabei. Der Vater fährt Bus und verdient sich dabei sein Geld ... auch die Mutter ist da. Mit dabei auch zwei Geschwister, eine Schwester mit 10 Jahren und die Kleine mit 6 Monaten. Der 5 Jahre alte Bruder liegt mit einer schweren Tuberkulose im Krankenhaus. Man weiß noch nicht, ob er es schaffen wird. Sie wohnen alle zusammen in einem kleinen Zimmer. Der Gehalt reicht oft nicht aus für die Miete und sie werden jetzt wieder hinausgeschmissen. Der Vater ist verzweifelt, in meinen Augen aussichtslos. Ich weiß da oft nicht, was ich tun soll. Die Familie kommt mit dem Bus (micro) des Vaters. Er parkt ihn vor der Tür von Hna. Rosa, darin die ganze Familie bis auf den schwer kranken Kleinen, der auf der Intensivstation liegt: Riccardo, der letztes Jahr gerade noch von der Schaufel gesprungen ist und die größere Schwester, die den Kleinen (6Monate) im Arm hält. Der größere 12 Jahre alte Bruder ist letztes Jahr an Unterernährung gestorben. Es ist ein Bild der Verzweiflung. Ich halte es fast nicht mehr aus ... Hna. Rosa Maria kümmert sich auch weiterhin um die Familie.
Dann erreiche ich Nina, die uns damals beim Projekt „Sauerstoffgenerator“ für das Krankenhaus mit den Rotariern vor Ort sehr geholfen hatte. Ich treffe mich bei ihr und wir sprechen über die Projekte und die Situation in Bolivien. Es ist ein nettes Gespräch, wie werden sich wieder etwas zusammen machen.
Sonst ist heute ein ruhiger Tag. Mein Aufenthalt geht langsam dem Ende zu und ich freue mich auf daheim.
Um 7.00 Uhr treffen wir uns zur Verabschiedung mit der Gruppe der Studenten bei Hna. Rosa Maria. Daniel, der abogado, grillt und alle freuen sich auf Essen. Ich kann nur kosten, mir ist immer noch nicht gut. Das wird wohl erst daheim wieder besser werden. Es wird gesungen, getanzt, ich bekomme Geschenke ... es ist eine nette Verabschiedung, herzlich und ehrlich. Um 2.00 Uhr gehe ich heim. Die Operation von Julio, den sie zusammengeschlagen hatten, ist gut verlaufen. Ich rufe ihn kurz an. Er wird bald das Krankenhaus verlassen können.

07.12.2015

Der Tag vor dem Abflug, ich packe schon einmal ein paar Sachen, viel ist es ja nicht mehr, was ich heimbringe.
Dann habe ich mit dem Architekten ein Treffen vereinbart. Wir verhandeln über die Bauprojekte für das kommende Jahr. Er muss mit dem Preis etwas heruntergehen, sonst habe ich ein anderes Angebot. Er lenkt ein, obwohl, die Arbeiter kosten soooo viel, und es ist so schwierig. Er räumt auch ein, dass er schon sehr zuvorkommend sei, betont er ... Beim letzten Projekt hatte man sich in der Zahl der Fenster getäuscht, 6 Fenster waren geplant, in Wirklichkeit waren es dann 8, die Differenz habe er dann übernommen, weil es ja sein Fehler war ... Das kann ja mal passieren ...
Dann noch ein paar Telefonate, im Zentrum lasse ich mir den Flug für morgen bestätigen, es sollte alles planmäßig ablaufen ...
Und nun sitze ich hier in der „republica“, bei Tee und Toastbrot. Hatte vor einer halben Stunde noch um ein zweites Toastbrot gebeten. Doch das hat die Dame wohl vergessen, das passiert hier oft ...
Ich lasse alles noch einmal in Gedanken vorbeiziehen.
Es war heuer wieder eine intensive Zeit, mit vielen Erlebnissen und Eindrücken, vielen Emotionen. Man kann in den Reiseberichten nur einen Bruchteil von dem beschreiben und übermitteln, was man selber in Wirklichkeit erlebt. Das „Projekt“ ist gewachsen, die Bauten sind bereits in Betrieb, die guarderia hier in Santa Cruz, der Zubau der guarderia in Comarapa ebenfalls, der Schulbau in Sucre sollte demnächst in Betrieb gehen, die Verfliesung der Schulräume hier in Santa Cruz ist gut gelungen.
Alles ist bezahlt, mit Ihren Spenden! Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Ihnen allen bedanken! Nur dadurch ist es möglich geworden- Sie sollten das alles mit eigenen Augen Sehen!!!
Die Gruppe der Studenten unter der Leitung von Rosa Maria ist gewachsen, es ist eine große Familie geworden. Daneben die unzähligen kleinen Hilfen, Prothesen, Rollstühle, Medikamente, Brillen, Hörgeräte, Operationen ...
Ich bin sehr zufrieden, mit dem Erlebten und Erreichten in den letzten Wochen und ich verspüre ein bisschen Wehmut, wenn ich morgen weggehen, die Menschen sind mit ans Herz gewachsen, ihre Herzlichkeit, ihre Dunkelheit, ihr Strahlen, aber auch ihr Leid, die Trauer, ihre Armut und oft Aussichtlosigkeit und Verzweiflung, ihr Leben in Holzhütten und Lehmböden ..., auch ihre Unpünktlichkeit und Unbekümmertheit, Gelassenheit ... und wenn die Dame meinen Toast vergisst oder sich in der Rechnung irrt ...
Trotzdem, ich freue mich auf daheim, ich freue mich sehr sogar, auf meine Dusche, darauf, dass nicht das ganze Bad nach dem Duschen überschwemmt ist, weil der Abfluss verstopft ist, darauf, dass ich das verwendete Klopapier nicht mehr in einem Eimer daneben geben muss, ich freue mich auf ein klares Wasser, darauf, dass ich nicht mehr schwarze Füße bekomme, wenn ich im Zimmer barfuß herumgehe.
Ich freue mich auf einen Fisch und ein gutes Glas Wein. Und ich werde alles wieder mehr schätzen als vorher, jede Kleinigkeit, dir für uns sonst eine Selbstverständlichkeit ist. Und die Erlebnisse werden mich wieder lange begleiten.
Ich möchte hier an dieser Stelle noch einmal allen danken, die das Projekt „Brillos“ unterstützen. Allen, die das Projekt finanziell unterstützen, jedoch auch allen, die mich in Gedanken begleiten, meine Berichte lesen und mitleben ...

VIELEN DANK!!!